2. Januar 2011

Inka | Das Leben ist kein Ponyhof | Blogeintrag zum Jubiläumsspiel von Eggertspiele

Eggertspiele_LogoEin Wellness-Wochenende in Clausen

Für jahrelange gute Zusammenarbeit wollte mir der Eggertverlag danken und mich deshalb mit ein paar Tagen Spa und Wellness in einem kleinen schnuckeligen Anwesen im schönen Clausen entlohnen.

Reichhaltiges Langschläfer-Frühstück, ein knackiger braungebrannter Masseur, verschiedene Fitness-Anwendungen, eine ausgiebige Shoppingtour, Schönheitsschlaf und vieles mehr…das war es, wovon ich träumte.

Was ich tatsächlich bekam, sah anders aus – ganz anders:

Da war ich nun, auf diesem angeblichen Verwöhnwochenende in der Pfalz.

Nachdem ich eingecheckt und meinen viel zu großen Koffer die Treppen hinauf gehievt hatte (für meinen Shopping-Trip habe ich in weiser Voraussicht extra viel Platz im Koffer gelassen), stand ich nun in dem Zimmer, was die kommenden beiden Nächte für mich reserviert sein sollte – für mich und den knackigen, braun gebrannten Masseur…träumte ich gerade, als sich diese Mensch gewordene Fleischwand vor mir auftürmte: “Hallo, schön, dass Du auch da bist.”

Der Masseur in meinem Zimmer war gar kein Masseur, er war Versicherungskaufmann, er war auch nicht wirklich braun gebrannt, es sei denn, wir nehmen “kreidebleich” in das Farbspektrum der Braun-Töne auf und neben “knackig” bedient er auch alle anderen Eigenschaften, die Deutschlands beliebteste Würste ausmachen. – Kurzum: Der Masseur war mein Mann. “Ich freue mich auch, dich auf meinem Wellness-Weekend zu sehen” log ich und lächelte vermutlich etwas gequält.

Vom ersten Schock erholt machte ich einen kleinen Rundgang durch das Anwesen. Ich wollte Ausschau nach dem Fitness-Raum, der Hotelbar und MEINEM Masseur halten.

Doch der schien keinen Dienst zu haben. Statt seiner einer traf ich auf diverse andere interessante HERRschaften…ein Kerl wurde von seinem Frisör mit der falschen Tönung bearbeitet. Alle Haare grün. Den Prozess gewinnt er in jedem Fall! Wieder ein anderer rannte nur mit Papier und Stift durchs Haus. Wann immer er angesprochen wurde, zuckte er kurz zusammen, murmelte etwas wie: “Die sind doch alle verrückt hier”, und fing an zu zeichnen.

Dann gab es da noch diesen Bezopften, der wollte sich immer mit seinem Kumpel auf die Couch legen, um eine Redaktionssitzung abzuhalten und den Mann mit der Hornbrille. Der rupfte irgendwelchen Blüten die Blätter aus und spielte “Sie liebt mich, sie liebt mich nicht”.

Ich frage mich allmählich, ob ich hier wirklich in einer Wellness-Oase oder vielmehr im Wohnheim einer schizophrenen Selbsthilfegruppe gelandet bin.

Wie dem auch sei, es sollte spannend weiter gehen. Gleich am ersten Abend blieb die Küche geschlossen. Den Gästen wurde eine nahe gelegene Pizzeria schmackhaft gemacht. So kam es dann auch, dass man dort all diese kuriosen Gestalten wieder traf.

Inzwischen hatte sich der Kreis erweitert. Da war noch dieser nette Herr aus dem hohen Norden. Gerne hätte ich mich mit ihm unterhalten, aber jeder seiner Sätze begann mit den Worten “Tut mir leid, keine Zeit, da bin ich schon Skilaufen”. Und dann war da noch dieser leicht untersetzte Herr, der scheinbar eine ganz innige Beziehung zu seinem I-Phone pflegte – nein ich muss mich korrigieren, da waren drei leicht untersetzte Herren, die eine innige Beziehung zu ihrem I-Phone pflegten (einer davon war mein Mann. Wie kommt der hier her? Wer hat zugelassen, dass MEIN Mann und MEIN Essen am gleichen Tisch Platz finden…das gibt doch wieder Krieg!) Und dann war da noch ein bärtiger Herr, der immer von einer lesbischen Eröffnung sprach. Ich hoffe, dass es sich dabei um einen Schachzug handelte und nichts mit mir und er einzigen anderen Frau an diesem Tisch zu tun hatte. Sie hieß Birgit und führte eine weitaus innigere Beziehung zu ihrem MacBook, als die drei Herren zu ihrem I-Phone…Leute gibt’s!

Als Vorspeise gab es – eigentlich – drei Antipasti-Teller. Ich sage bewusst eigentlich, denn eigentlich bekamen diese der Grünhaarige, der Blumenrupfer und – wie kann es anders sein – mein Göttergatte. Die anderen neun konnten froh sein, wenn sie noch das Vitello vom Tonato abbekamen. So schnell konnten unsere Kiefer nicht kauen, wie die drei sich die Vorspeisen einverleibt hatten.

Der Hauptgang verlief bedeutend friedlicher. Der Abend drohte erst zu kippen, als sich der Blütenzupfer an einer Kunststoffrose in der Vase vor sich zu schaffen machte.

Das letzte Blatt war ausgerissen und der Spruch dazu lautete “Sie liebt mich nicht”…

Noch bevor ich ihm die Rosen aus den Vasen der Nachbartische zuwerfen konnte, nahm das Unglück seinen Lauf. “Whiskey – Single Malt – sofort!”

Zu späterer Stunde kehrte man ins Anwesen zurück. Nun lernte ich auch die Hotelbar kennen. Sie befand sich im Rucksack des Grünhaarigen. Zumindest jener Whiskey, nachdem der Hornbebrillte immer wieder verlangte. Und als dann die Kommunikation ein Niveau annahm, in der auch ein promovierter Logopäde das Handtuch geschmissen hätte, beschloss ich, dass es Zeit für meinen Schönheitsschlaf würde…

Ich kann von Glück sprechen, dass ich schon “schön” bin, denn sonst wäre ich in dieser Nacht nicht nur ein Fall für den Schönheitschirurgen geworden, sondern mein geliebter Ehemann auch ein Fall für den Pathologen. Niemand kann sich vorstellen, wie laut ein menschliches Wesen schnarchen kann – ich schon! Sagen wir so: Das Brunftgeschrei der Elche wirkt dagegen wie der Flügelschlag eines Zitronenfalters beim Liebesakt.

Im Viertelstundentakt musste ich den 2,5-Zentner-Kerl in eine Position wuchten, in der sein Zäpfchen nicht im Wind sondern nur in der Wange flatterte… soviel zu meinen Fitness-Anwendungen. Vollkommen gerädert stand ich am frühen Morgen auf, taperte noch relativ benommen in den Frühstückssaal, um dann über eine Art Riesenraupe zu stolpern (der depressive Rosenkavalier hatte es nicht mehr aufs Zimmer geschafft und sich deshalb einfach in einen Schlafsack gewickelt) und dann festzustellen, das es gar kein Frühstück gab! Wie denn auch, ich hatte ja „Langschläfer-Frähstäck“ gebucht…

..aber nicht erst um 17 Uhr, nicht nur aus Ei bestehend und nicht vom Grünhaarigen zubereitet. Doch inzwischen habe ich meine Ansprüche an dieses Wochenende bedeutend zurückgeschraubt. So war es dann auch nicht weiter tragisch, dass meine Shopping-Tour aus einem Trip an die nächste Tanke bestand, um dort Bier und neuen Single-Malt für meine Selbsthilfegruppe zu besorgen.

Ich kann Euch sagen, das war eines der härtesten Wochenenden in meinem Leben – aber auch eines der schönsten… und was dabei rauskommt, wenn man sein Wellness-Weekend mit einer durchgeknallten Selbsthilfegruppe verbringt, dass könnt ihr auf der Spiel’10 in Essen bestaunen.

Ich bin jedenfalls überglücklich – denn auch ich bin dabei!

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