22. März 2010

Die 5. Spieleautorentage in Weilburg

Spieleautorentagungvom 19.-21.03.2010

Auch in diesem Jahr haben wir wieder einen Workshop auf den Spielautorentagen in Weilburg geleitet. Dieses Mal mit dem Thema: Ein Spiel – viele Köpfe.

Wir haben dabei das Thema „Kooperationen“ beleuchtet. Besonders interessant fanden wir den Kreativpart innerhalb des Workshops. Es war interessant die unterschiedlichen Herangehensweisen der Kollegen zu beobachten und spannend zu sehen, in welch kurzer Zeit tolle Ideen reifen können.

Einen Überblick über das komplette Programm liefert das Archiv der Spieleautorentagung.

www.fachtagung-spieleautoren.de

Den detaillierten Bericht zu unserem Workshop findet ihr hier:

Ein Spiel – viele Köpfe

(Ein Workshop zum Thema „Kooperationen“ mit Kreativ-Part)

Spätestens seitdem Kramer & Kiesling gemeinsam Spiele machen, weiß man, dass Kooperationen unter Spieleautoren durchaus erfolgreich verlaufen können. Doch machen doppelt so viele Köpfe auch doppelt so schnell ein doppelt so gutes Spiel?

Wir wollten in unserem Workshop Vor- und Nachteile einer Kooperation diskutieren. In einem anschließenden „Kreativ-Part“ sollten dann Spontankooperationen gebildet werden, anhand derer wir im Selbstversuch erleben konnten, ob wir uns zukünftig auch die Zusammenarbeit mit einem Kollegen vorstellen können oder ob wir doch weiter als Einzelkämpfer die Spielewelt zu erobern versuchen.

1. Voraussetzungen schaffen

Für eine erfolgreiche Kooperation gilt es zunächst, annehmbare Voraussetzungen zu schaffen.
Wir wollen in einem ersten Schritt herausarbeiten, welche Voraussetzungen geschaffen werden sollten, damit eine Kooperation in Gang kommen kann.

a) Partner finden

Wer genau ist dieser richtige Partner, wo finde ich ihn und was muss er können?

Hier einige Punkte, die bei der Suche nach einem geeigneten Kooperationspartner eine Rolle spielen könnten. Jede dieser Fragen sollte sich ein Autor auf der Suche nach einem Partner stellen und beantworten. Ob die einzelnen Unterpunkte für ihn von Bedeutung sind, muss er selbst entscheiden.

Wer ist der richtige Partner?
  • Ist räumliche Nähe zum Partner gegeben?
  • Ist eine mentale Nähe zum Partner vorhanden?
  • Wie sieht es mit der Sprache/Verständigung aus? Verstehen wir uns?
  • Habe ich ein Grundvertrauen zum Partner?
  • Ist er ehrlich zu mir?
  • Was sagt mein Bauchgefühl?
Wo finde ich den richtigen Partner?
  • Auf Autorentreffen (regionale oder überregionale wie Göttingen und Haar)
  • In Internetforen (z.B. Autorenforum auf spielbox.de)
  • Im Freundeskreis (z.B. in der Spielerunde, aber Vorsicht: ein guter Freund ist nicht automatisch auch ein guter Kooperationspartner!)
  • Im Kollegenkreis (z.B. im Büro, aber auch unter den Autorenkollegen)
Was muss der richtige Partner mitbringen ?
  • Er könnte bereits Erfahrungen/Kompetenz im Bereich Spielentwicklung gesammelt haben.
  • Er sollte die gemeinsame Zielvorstellung mit mir teilen.
  • Er sollte Kompromissbereitschaft zeigen.
  • Wir sollten auf Augenhöhe agieren, keine Hierarchie aufkommen lassen.

b) Projektplanung

Was wollen wir tun, wie wollen wir es anstellen und welche Rahmenbedingungen wollen geklärt sein? Hier nun einige Punkte, die bedacht werden wollen, wenn man einen Kooperationspartner gefunden hat und nun endlich anfangen will…

Was wollen wir tun?
  • Ideen sammeln (Mechanismen, Themen)
  • Liegt ein Auftrag zur Spielentwicklung vor?
  • Austausch per Telefon und E-Mail
Wie wollen wir es anstellen?
  • Entwicklung an getrennten Orten?
  • Entwicklung per Telefon und Mail?
  • Entwicklung bei einem persönlichen Treffen?
Welche Rahmenbedingungen wollen geklärt sein?
  • Umgang mit eingebrachten Ideen/Mechanismen/Themen bei Nichtveröffentlichung
  • Aufgabenverteilung arbeitstechnisch (Wer schreibt die Spielregel, wer bastelt den Prototypen)
  • Aufgabenverteilung wirtschaftlich (Wer stellt die Idee den Verlagen vor, wer kommuniziert mit den Verlagen)
  • Honorarverteilung bei Veröffentlichung
  • Paritäten (muss ich genau so viele Ideen einbringen, wie du?)

2. Die Spielentwicklung

Hat man den richtigen Partner gefunden und alle Rahmenbedingungen für sich geklärt, geht es an die Spielentwicklung. In diesem zweiten Schritt wollen wir aufzählen, was man in einer Kooperation tun und lassen sollte, wenn es endlich zur gemeinsamen Arbeit kommt.

  • Konfrontationen und Konflikte zulassen, niemals auf Kuschelkurs gehen
  • Keine Zurückhaltung, auch wenn es zu Lasten der Parität geht (keine Ideen zurückhalten, wenn sie für das Projekt förderlich sind)
  • Ideen wachsen lassen, nur so können sie sich gegenseitig befruchten
  • Bei Fehlentwicklungen nach den Ursachen suchen
  • Offene und ehrliche Diskussionen führen
  • Immer auf Augenhöhe bleiben
  • Sich von Ideen oder Mechanismen verabschieden können, wenn sie das Projekt nicht nach vorn bringen

3. Es funktioniert tatsächlich nicht

Hier muss ganz klar unterschieden werden.

a) Funktioniert das Spiel nicht, liegt es also ausschließlich am Thema, dem Mechanismus oder der Komplexität? Egal! Ein neuer Versuch!

oder

b) funktioniert vielleicht die Kooperation nicht? Stimmt die Chemie nicht, ist das Bauchgefühl schlecht, kommt man mit der Arbeitsweise des Partners nicht zurecht, kann die Idee nicht überzeugen? Nicht egal! In diesem Fall sollte man dem Kollegen relativ zeitnah klar machen, das man die Zusammenarbeit für aussichtslos hält und die Kooperation lösen.

Während der gemeinsamen Diskussion wurden viele Aspekte für und wider eine Kooperation in den Raum geworfen.

Wir haben diese gesammelt und wollen abschließend die Vor- und Nachteile einer solchen Zusammenarbeit aus Sicht der Workshopteilnehmer zusammentragen.

Vorteile einer Kooperation
  • Mehr Ideenvielfalt und Kreativität
  • Neue Arbeitsweisen kennen lernen
  • Neue Herangehensweisen kennen lernen
  • Bestehende Kontakte des Kooperationspartners (z.B. zu Verlagen/Redakteuren) nutzen
  • Schnelleres Vorankommen der Spielentwicklung
  • Arbeitsteilung, Arbeitsstrukturierung
  • Geringere Fehlerquote (4 Augen sehen mehr als 2)
  • Teamgefühl beflügelt
  • Positiver Druck: Ich werde gefordert, kann das Ganze nicht schleifen lassen.
Nachteile einer Kooperation
  • Loslassen eigener Ideen
  • Ich gebe meine Idee/meinen Mechanismus für das Projekt her
  • Risiko (Was ist, wenn der Partner ausscheidet?)
  • Weniger Verdienst
  • Ständiges Einlassen auf Kompromisse
  • Sehr unangenehm, wenn Kooperation nicht harmoniert
  • Noch unangenehmer, wenn Kooperation gelöst wird
  • Negativer Druck: Ich muss was machen, aber es bringt nichts…
Kreativ-Part

Nachdem wir uns im Workshop nun ausgiebig Gedanken über eine Kooperation gemacht hatten, wollten wir in einem Kreativ-Part erfahren, wie sich Kooperation anfühlt, wie sie verlaufen kann und ob für den Einzelnen die Vor- oder Nachteile überwiegen.

Man fand sich in Kleingruppen zu 3-5 Teilnehmern zusammen. Jedes „Kooperationsteam“ erhielt einen identischen Satz Material, dass uns freundlicher Weise von Harald Mücke von „spielmaterial.de“ zur Verfügung gestellt wurde.

Als Aufgabe diente sein diesjähriger Autorenwettbewerb, wonach das gesamte vorhandene Material in einem Spiel untergebracht werden sollte. Zusätzliches Material durfte hinzugenommen werden, allerdings war es nicht erlaubt, Material weg zu lassen.

Auf Basis dieser Angaben startete nun jedes Team in einen dreiviertelstündigen Kreativ-Part.

Obwohl explizit darauf hingewiesen wurde, dass es nicht Ziel sei, sofort spielbare Ideen auf den Tisch zu bringen, entstanden doch innerhalb kürzester Zeit drei solide testfähige Grundideen.

Im Anschluss berichteten die Teilnehmer von Ihren „Kooperationserfahrungen“ in den einzelnen Gruppen.

Es stellte sich heraus, dass in allen Gruppen zunächst eine intensive Kommunikation in Gang gesetzt wurde.

Das Material wurde ausprobiert, die Teilnehmer spielten damit herum, um Ideen zu bekommen, wie es ins Spiel einzubringen sei. Die Figuren wurden zu Wanderern, Drachentötern und Abenteurern, in einer Gruppe wurden sie einfach in die Waagerechte gebracht und dienten so als Hund.

Aus den Glassteinen wurden Edelsteine, Schmuckstücke und GO-Spielsteine, sie wurden gelegt und geschnipst, zudem dienten Sie als Zahlungsmittel.

Der Gesprächsanteil der Teilnehmer innerhalb der einzelnen Gruppen war extrem unterschiedlich. Einzelne Teilnehmer nahmen sich komplett aus der Diskussion heraus, andere wiederum rissen das Ruder förmlich an sich.

Eine Gruppe ging über das Thema ans Werk. Hier stellte sich heraus, dass der Kreativprozess deutlich zielführender war, nachdem ein Thema festgelegt wurde.

Ein Teilnehmer provozierte Widersprüche innerhalb seiner Gruppe und stellte fest, dass er dadurch den Kreativprozess seines Teams ankurbelte.

In keiner Gruppe war von paritätischer Ideenfindung / Arbeitsteilung die Rede. Alle Teams stellten fest, dass sich einzelne „Kooperationspartner“ deutlich mehr hervor taten, als andere.

Zum Ende des Kreativ-Parts konnte man sich in einem Feen-Fußball-Spiel sportlich betätigen, mit Abenteurern in die Drachenhöhle steigen oder einfach nur die grauen Zellen bei einer GO-Abwandlung in Fahrt bringen. Man war sich einig, dass ein kreativer Prozess in dieser Art und Weise außerhalb Weilburgs vermutlich nicht möglich gewesen wäre, denn Atmosphäre, Menschen und Themen rund um die Spieleautorentagung haben die Teilnehmer im besonderen Maße beflügelt…

Mitglieder aus zwei Kleingruppen hatten auch nach dem Workshop Interesse, weiter an den Ideen zu feilen, zwei Teilnehmer wussten bereits nach diesem 45-minütigen Kreativ-Teil, dass Kooperationen zukünftig nicht für Sie in Frage kommen werden.

Fazit:

Bei allem Für und Wider, bei allen Abwägungen, die man treffen und Gedanken, die man sich machen sollte, muss aber eines klar sein: Den größten Anteil am Zustandekommen einer Kooperation hat das eigene „gute“ Gefühl, bei der Sache. Der ganze „theoretische“ Teil wird in der Realität verschwindend klein. Dennoch sollte man ihn nicht vernachlässigen. Es schadet nicht, wenn man sich im Vorfeld bereits seine Gedanken gemacht hat.

Bilder vom Workshop


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